Anspruch und Bedürfnis

 

Wer kennt sie nicht, die Gedanken, die so daherkommen:

….ich würde jetzt  eigentlich gern – aber…/ ich wollte doch noch- aber… /du mußt aber… / du kannst doch nicht…/jetzt mach` doch endlich…

Es gibt sehr verschiedene Gründe, Geplantes aufzuschieben, erst „auf den letzten Drücker“ zu erledigen oder ganz zu boykottieren. Ein Begriff, mit dem einige der Prozesse, die damit verbunden sein können, verknüpft ist, ist  unter dem netten Begriff Prokrastination bekannt: Tendenz, Dinge aufzuschieben. Dies  will ich jetzt aber nicht vertiefen.

Mir geht es hier um etwas anderes: warum machen wir manche Dinge nicht- obwohl wir sie angeblich wollen? Oder warum machen wir Dinge, die wir eigentlich (so/jetzt/ überhaupt) nicht wollen?  Was passiert da, wenn etwas in uns  sich verweigert? Das führt uns zur den Begriffen:  Bedürfnis  und  Anspruch. Siehe auch:  Interner Streit  

Bedürfnis ist klar; Anspruch resultiert aus den ( im besten Fall) eigenen Werten, hinter denen wir stehen, die uns wichtig sind.  Druck und Streß entstehen,  wenn innerer Unfrieden / Kampf zwischen Anspruchsanteil und echtem Bedürfnis herrschen. Oder: wenn das aktuelles Bedürfnis sich auch noch mit einem anderen, unbewußten Bedürfnis, das an Werte Anderer gekoppelt ist, herumschlagen muß. ( siehe Beispiel weiter unten).  Im Idealfall  haben wir gelernt, zwischen beiden Anteilen  gute, brauchbare  Kompromisse  in unserem Inneren herzustellen, bei denen beide „Mitglieder: Bedürfnis -Anteil und eigener Wert-Anteil des INNEREN TEAMS“*** zu ihrem Recht kommen.

Aber: wenn wir in unserer Geschichte gelernt haben, andere Dinge tun zu müssen, um Anerkennung  ( oder andere, für ein Kind lebenswichtige  Reaktionen) zu bekommen als die, die mit unseren Bedürfnissen konvenieren – dann wird es schwierig. Dann decken sich die  Werte ( auf Grund  derer sich der innere  Handlungsbefehl entwickelt)  nicht mit  unseren echten Bedürfnissen.

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Und das geht nicht lange gut. Irgendwann beginnt unser „wahres Selbst“ ( der wichtigste Teil unseres „INNEREN TEAMS“) zu revoltieren. Es mag nicht mehr Dinge tun, die mit dem eigenen echten Wertesystem wenig bis nix zu tun haben, um akzeptiert zu werden. Schluß mit dieser Art Anpassung, signalisiert es – Basta! Das Selbst pocht jetzt darauf, die Führung zu übernehmen; es will bestimmen, was dem Individuum wirklich entspricht – ohne unnötigen Anpassungszwang. Eine Emanzipation von schädlicher ( oder anachronistischer) Anpassung beginnt,  in deren Verlauf wir uns selbst untreu werden mußten – als Kinder meist schon, um die notwendige Akzeptanz nicht zu „verscherzen“.  Und dann entsteht das Gefühl, sich selbst im Weg zu stehen, etwas zu tun, was wir eigentlich nicht wollen – oder etwas nicht zu tun, was wir eigentlich wollen. Der Zwiespalt zwischen Stimmigem und Nicht-stimmigem  beginnt, deutlicher zu werden.

***INNERES TEAM ( in vielen therapeutischen Richtungen auf die eine oder andere Weise eingeführt; Begriff von Schulz von Thun bekannt gemacht )  ist ein Konzept, mit dem wir abbilden können, wie in uns all die Anteile, die in unserem psychischen System wirksam sind, mehr oder wenig gut zusammen arbeiten, um das Leben mit seinen Herausforderungen zu meistern.  Ganz ähnlich einem Arbeitsteam in einer Firma. Wer dazu mehr lesen will, wird im Internet unter diesem Suchbegriff fündig.

Zu entdecken, mit welchen Mitgliedern wir es in verschiedenen Situationen zu tun haben, kann eine interessante Expedition nach innen sein. Das hat nichts mit Schizophrenie zu tun- wie oft befürchtet wird – oder multipler Persönlichkeit. Oh  nein! Es ist ein Konzept, das uns plastisch vor Augen führt, welche Kräfte ( und Erfahrungen)  in uns wirken und:  sich auswirken.

Ein kleines Beispiel ?

Eine Frau beklagt sich:“ ich bin sehr penibel im Haushalt: kaum liegen irgendwo ein paar Krümel- schon bin ich mit dem Sauger zugange. Und meist bekomme ich dann auf die andern Familienmitglieder eine Wut: daß sie nicht besser aufpassen- oder nicht gleich entfernen, was da liegt. Ich weiß“, sagt sie, „daß ich von den andern nicht die gleiche `Schmerzgrenze` erwarten kann – aber das hilft mir nicht: ich muß  sofort handeln  und werden gleichzeitig sehr  wütend.“

Wir begeben uns auf Spurensuche, was da wirksam ist.

Ihr Vater war sehr pedantisch und kontrollierend; er wurde jähzornig bei der geringsten Kleinigkeit, die ihm nicht paßte: er konnte dann all seine Spannung und Wut an ihrer Mutter (oder später ihr) auslassen- und zu diesen Kleinigkeiten gehörte denn auch oft ein  nicht blitzblank geputzter Tisch o.ä.  Da die Mutter oft müde von aushäusiger, körperlicher Arbeit nach Hause kam, hielt sie die Tochter schon im Grundschulalter  an, im Haushalt zu putzen; mit der Drohung: „mach es bloß gründlich, sonst rastet Papa wieder aus.“

Klar – ne?  Die Kleine mußte die „Werte“ des Vaters übernehmen, die nicht die Ihren waren; und da die Mutter ihr nicht beistand, sondern dieses System noch unterstützte, entwickelte sich in ihr  folgendes:  Eine Instanz, die die „Werte“ des Vaters akribisch durchzusetzen bestrebt war, um sie vor der Gewalt des Vaters zu schützen- und ein Anteil, der auf die fehlende Unterstützung und Entlastung mit ziemlich viel Wut reagierte. Und dieses Duo aus dem Inneren Team wird aktuell, wenn sie geschafft aus der Firma kommt – und der Sohn ein paar Krümel hinterlassen hat. Ihr eigenes Bedürfnis, sich erst mal ein wenig auszuruhen, wird „weggewischt“ von dem ängstlichen Anteil, der es dem Papa recht machen muß. Die Zusammenhänge sind oft unbewußt – sogar dann, wenn die Fakten bewußt sind. Deshalb nützt auch Wissen nicht- ebensowenig Ratschläge. Erst der Kontakt zu den Gefühlen in den Situationen, die die ängstlich-strenge Seite geprägt haben, ist ein erster Schritt zur Lösung dieses Knäuels.

 

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