Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Um dazuzugehören, machen wir Menschen viel- manchmal viel Gutes ( oft mehr als uns gut tut) und zuweilen auch viel Schädliches. Das geht mir immer wieder in diesen Tagen durch den Sinn, wenn ich aktuelle Neuigkeiten über Attentate und mehr oder weniger blutige, mehr oder weniger offensichtlich  auffällige Aktionen lese/höre.

Oft geht es um das Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören, bestärkt zu werden – auch um den Preis, anderen Gruppen oder Individuen zu schaden. Und dieses Phänomen finden wir in allen Berufsgruppen und Schichten der Gesellschaft,  mit  finanziellen, körperlichen, geistigen und seelischen  Schädigungen im Schlepptau.

Dazuzugehören ist eines der mächtigsten Bedürfnisse von uns Menschen – und aller Wesen, die „Herdentiere“ sind:  es garantiert nicht nur dem kleinen Elefanten oder dem Zebra, sondern  uns allen als Kinder das Überleben.

Und wie zum Einatmen auch das Ausatmen gehört, so muß in diesem Zusammenhang ein  ähnlich wichtiges Bedürfnis  genannt werden: „eigen-sein“ zu wollen-  sich entwickeln, wachsen zu dürfen – dieses Grundbedürfnis  treibt uns, uns zu entdecken, unsere  Fähigkeiten und Talente zu realisieren. Daraus entsteht individuell eingefärbte Entwicklung, Interesse an der Welt und Wissensdurst- Grundlage für Kompetenz und Innovation. (Wer interessiert ist, kann sich mal den Vortrag von Gerald Hüther anhören – er hat zu Beginn seines Vortrags“Und nichts wird fortan so sein wie bisher….“ eine sehr schöne Zusammenfassung dieser Dynamik beschrieben.) So weit so gut.

Leider kennen viele von uns die leidvolle Erfahrung, daß diese beiden Bedürfnisse sich oftmals ausschließen: entweder, wir dürfen nur dazugehören, wenn wir unser Fühlen und Denken anpassen – dann geht Zugehörigkeit zulasten der eigenen individuellen Entwicklung; oder wir folgen dem Bedürfnis nach Forschen und „Eigen-willig“ sein- dann führt das zur  Kehrseite – dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Ist ähnlich schmerzlich wie Einsamkeit – und hat doch eine  andere Dynamik.

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Ich  höre von  so  manchen „Scharmützeln“ in der Schule – und oft auch schon im Kindergarten, und sehe, wie subtil oder auch offenkundig die Kränkungen sind, die Kinder in Punkto Zugehörigkeit erleben. So erzählte mir meine Tochter von der Tochter ihrer Freundin:  sie ist jetzt 4J, eine sehr aufgeweckte und kluge Kleine. Im Kindergarten herrscht z.Z. die Schneeprinzessinnen-Mode: ein Kleidchen, das „in“ ist und die meisten Mädchen tragen es zur Zeit. Die kleine M. hatte bisher noch keines; kürzlich  kam sie aus dem Kindergarten – voll schlecht gelaunt und reagierte auf eine Bitte ihrer Mutter mit: „nein!! – und ich zünd` Dein Auto an!“.??  Auf geduldiges Nachfragen der Mutter erzählte die Kleine, sie habe eine Geburtstagseinladung von einem  Mädchen erhalten – jedoch mit der Ansage, sie  müßten  alle in besagtem Prinzessinnenkleid kommen – sonst wären sie ja  nicht schön. Und  dann  wurde M. traurig (die Wut war durch das Interesse der Mutter verrauscht) und sagte:“ ich hab` sowas ja nicht – dann bin ich auch nicht schön!“

Das sind – ob Mädchen oder Junge – (letztere haben nur etwas anders gelagerte Themen) – die Kristallisationspunkte für: Angst vor dem Ausgeschlossen werden, vor Ablehnung, vor Spott – und  oft werden Kinder, die ihre aufkeimende Angst durch Wut s.o. zum Ausdruck bringen, eben nicht verstanden, sondern für die Art, wie sie sich bemerkbar machen, bestraft – dann droht ( zumindest gefühlt) der Ausschluss von zwei Seiten. Nicht selten – vor allem in der Schulzeit-  kommt es dann zu Versuchen, solche Dilemmata  im Alleingang zu lösen: Stehlen, Schlagen, Wüten – oder je nach Temperament- Rückzug.

Aus vielen solchen Episoden nährt sich die Sehnsucht, irgendwo sicher dazuzugehören. Anlaufstellen sind dann leider auch indoktrinierende Gruppen, in deren System  sich Menschen zwar sicher dazugehörig fühlen – wenn sie die Ideen vertreten- und der gemeinsame Schulterschluss gegenüber Andesdenkenden tut ihnen gut – aber der damit einhergehende Verzicht auf das eigene Entwicklungspotential ist (zu) hoher Preis und ein Desaster. Und die Wut aus beiden „Reservoirs“: aus der Kiste“ alte Kränkungen“ und aus der neuen Kiste „Verzicht auf eigene Entwicklung“ entlädt sich schnell an anders Denkenden, die (gefühlt, befürchtet) die Gruppe angreifen.

Fazit: Achtsamkeit für derartige Kränkungen sollte absoluten Vorrang  haben. Kinder die z. Teil über Jahre mit zum Teil extremen Ausgrenzungerfahrungen leben, ohne daß sie eine Anlaufstelle haben, wo sie sich zugehörig und geschützt fühlen, laufen Gefahr, mit all dem Lernstoff, den sie meist trotzdem bewältigen, nicht erfolgreich hantieren zu können, da sie durch solch chronische traumarisierende Erfahrungen in ihrer Entwicklung enorm eingeschränkt werden.

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